Lipoprotein(a): Wert, Bedeutung und was man tun kann
Von Martin Höllinger· Stand · Lesezeit 9 Minuten
Lipoprotein(a), kurz Lp(a), ist ein Blutfett, dessen Höhe zu mehr als 90 Prozent durch die Gene festgelegt ist. Der Wert steht im Wesentlichen ab dem fünften Lebensjahr fest und lässt sich durch Ernährung und Bewegung kaum verändern. Die europäische Fachgesellschaft empfiehlt deshalb, ihn bei jedem Erwachsenen mindestens einmal zu messen. Als Faustregel nennt sie: unter 30 mg/dl ein geringer Beitrag zum Risiko, über 50 mg/dl ein erhöhtes Risiko, dazwischen eine Grauzone. Eine scharfe Grenze ist das nicht, der Zusammenhang verläuft stufenlos.
Was ein sehr hoher Wert bedeutet, zeigen dänische Daten von 69.764 Menschen. Mit mehr als 93 mg/dl, das betrifft etwa 5 Prozent der Bevölkerung, lag die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit um 50 Prozent höher als bei Werten unter 10 mg/dl. Die mittlere Überlebenszeit war mit 83,9 Jahren um 1,2 Jahre kürzer als bei allen übrigen Teilnehmern mit 85,1 Jahren. Das sind Mittelwerte einer Bevölkerung, keine Vorhersage für die einzelne Person. Ein zugelassenes Medikament gibt es noch nicht. Mehrere Wirkstoffe senken Lp(a) in Studien um 80 bis über 95 Prozent. Die erste große Studie zur Frage, ob das Herzinfarkte verhindert, hat ihr Ziel verfehlt: Der Hersteller meldete im September 2026, dass Pelacarsen bei 8.323 Patienten das Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse nicht gesenkt hat.
Was Lipoprotein(a) ist
Lp(a) ist ein Partikel, der dem LDL ähnelt: Er trägt Cholesterin und das Eiweiß Apolipoprotein B. Zusätzlich hängt daran ein zweites Eiweiß, das Apolipoprotein(a). Wie viel davon im Blut ist, bestimmt nach der Konsenserklärung der European Atherosclerosis Society zu mehr als 90 Prozent ein einziges Gen. Kein anderes Blutfett ist so stark erblich.
Die Spanne ist riesig, von unter 0,1 bis über 300 mg/dl. Das Gen ist mit zwei Jahren voll aktiv, die Werte des Erwachsenenalters sind meist mit etwa fünf Jahren erreicht.
Grenzwerte
Lp(a) wird in zwei Einheiten angegeben, die sich nicht sauber ineinander umrechnen lassen: als Masse in mg/dl und als Teilchenzahl in nmol/l. Die Fachgesellschaft schlägt wegen der Messunterschiede zwischen Labors Bereiche statt fester Werte vor.
| Bereich | mg/dl | nmol/l | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Niedrig | unter 30 | unter 75 | geringer Beitrag von Lp(a) zum Risiko |
| Grauzone | 30 bis 50 | 75 bis 125 | Bedeutung hängt von den übrigen Risikofaktoren ab |
| Erhöht | über 50 | über 125 | Risiko durch Lp(a) erhöht |
Das Gesundheitsportal des Bundes führt als Referenzwert unter 0,25 g/l, also 25 mg/dl.
Die Studie zum Wirkstoff Pelacarsen nennt die Größenordnung des Problems: Unter den Menschen, die bereits an Herz oder Gefäßen erkrankt sind, haben mehr als 20 Prozent ein erhöhtes Lp(a).
Risiko und Lebenserwartung
Die Konsenserklärung stuft Lp(a) als ursächlichen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein, gestützt auf genetische und epidemiologische Studien an Hunderttausenden. Das Risiko steigt stufenlos mit dem Wert und besteht auch bei sehr niedrigem LDL-Cholesterin. Hohe Werte gehen außerdem mit Verkalkungen der Aortenklappe einher. Für Venenthrombosen fand die Erklärung keinen Zusammenhang.
Die Sterblichkeit haben Langsted et al., European Heart Journal 2019, an zwei dänischen Bevölkerungsstudien untersucht.
| Vergleich | Herz-Kreislauf-Sterblichkeit | Gesamtsterblichkeit |
|---|---|---|
| Über 93 mg/dl gegen unter 10 mg/dl | plus 50 % | plus 20 % |
| Pro 50 mg/dl mehr | plus 16 % | plus 5 % |
Die mittlere Überlebenszeit lag bei Werten über 93 mg/dl bei 83,9 Jahren, bei allen anderen bei 85,1 Jahren. Über 93 mg/dl liegen die obersten 5 Prozent der Bevölkerung.
Zwei Dinge relativieren die Zahl. Der Unterschied von 1,2 Jahren betrifft nur die Gruppe mit den höchsten Werten. Und in der genetischen Auswertung derselben Arbeit bestätigte sich der Zusammenhang mit der Sterblichkeit für eine der beiden untersuchten Genvarianten, für die andere nicht.
In der Women’s Health Study mit 27.939 Frauen und 30 Jahren Beobachtung hatte das Fünftel mit dem höchsten Lp(a) ein um 33 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herz-Kreislauf-Tod als das Fünftel mit dem niedrigsten.
Was den Wert beeinflusst und was nicht
Die Konsenserklärung listet auf, was sich in Studien gezeigt hat.
| Einfluss | Wirkung auf Lp(a) |
|---|---|
| Körperliche Aktivität | keine oder minimal |
| Fasten | keine |
| Fettarme Kost mit mehr Kohlenhydraten oder ungesättigtem Fett | Anstieg um etwa 10 bis 15 % |
| Kohlenhydratarme Kost mit viel gesättigtem Fett | Abnahme um etwa 15 % |
| Wechseljahre | bei Frauen tendenziell Anstieg |
| Schwangerschaft | Verdopplung |
| Schilddrüsenunterfunktion | Anstieg, unter Behandlung 5 bis 20 % niedriger |
| Hormonersatztherapie nach den Wechseljahren | Abnahme um etwa 25 % |
| Statine | leichter Anstieg oder keine Wirkung |
| PCSK9-Hemmer | Abnahme um 15 bis 30 % |
Die Abnahme unter einer Kost mit viel gesättigtem Fett ist keine Ernährungsempfehlung. Der Befund zeigt vor allem, dass Lp(a) anderen Regeln folgt als die übrigen Blutfette.
Was man bei hohem Wert tut
Weil es kein zugelassenes Medikament gibt, empfiehlt die Fachgesellschaft, alle anderen Risikofaktoren früh und konsequent zu behandeln. Wie intensiv, richtet sich nach dem Gesamtrisiko und nach der Höhe von Lp(a).
Bei sehr hohem Lp(a) und fortschreitender Herz-Kreislauf-Erkrankung trotz optimaler Behandlung nennt die Erklärung die Lipoprotein-Apherese als Möglichkeit, eine Blutwäsche, die in regelmäßigen Abständen wiederholt wird.
Medikamente in Erprobung
Vier Wirkstoffe sind in Studien am Menschen geprüft. Sie setzen in der Leber an, wo das Apolipoprotein(a) gebildet wird, oder verhindern den Zusammenbau des Partikels.
| Wirkstoff | Art | Studie | Senkung von Lp(a) |
|---|---|---|---|
| Pelacarsen | Antisense-Oligonukleotid, Spritze | 286 Patienten, 6 bis 12 Monate | bis 80 % |
| Olpasiran | siRNA, Spritze alle 12 bis 24 Wochen | 281 Patienten, 36 Wochen | über 95 % |
| Lepodisiran | siRNA, Spritze alle 6 Monate | 320 Teilnehmer | 93,9 % in der höchsten Dosis |
| Muvalaplin | Tablette, täglich | 233 Teilnehmer, 12 Wochen | bis 85,8 % |
Quellen: Tsimikas et al. 2020, O’Donoghue et al. 2022, Nissen et al. 2025, Nicholls et al. 2025.
Dass diese Wirkstoffe den Laborwert senken, ist gezeigt. Ob damit weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle auftreten, sollte für Pelacarsen eine Studie mit 8.323 Patienten klären, die bereits eine Herz-Kreislauf-Erkrankung und ein Lp(a) von mindestens 70 mg/dl hatten.
Am 4. September 2026 hat der Hersteller das erste Ergebnis gemeldet: Die Studie hat ihren primären Endpunkt nicht erreicht. Gemessen wurde eine Kombination aus Herz-Kreislauf-Tod, nicht tödlichem Herzinfarkt, nicht tödlichem Schlaganfall und dringender Wiedereröffnung von Herzkranzgefäßen mit Spitalsaufenthalt. Unter Pelacarsen war das Lp(a) niedriger, das Risiko für diese Ereignisse im Vergleich zu Placebo aber nicht. Die Teilnehmer erhielten daneben die übliche Behandlung mit Blutfett- und Blutdrucksenkern.
Zur Einordnung: Das ist eine Mitteilung des Herstellers in wenigen Sätzen. Zahlen zu den Ereignissen, zur Untergruppe mit Lp(a) ab 90 mg/dl und zur Sicherheit sind noch nicht veröffentlicht; sie sollen auf einem Fachkongress vorgestellt werden. Bis dahin lässt sich nicht beurteilen, ob das Ergebnis am Wirkstoff, an der Höhe der Senkung, an der Dauer oder an der Annahme selbst liegt. Die Studien zu den anderen Wirkstoffen der Tabelle haben nur den Laborwert gemessen. Damit gilt weiter: Keine kontrollierte Studie hat bisher belegt, dass das Senken von Lp(a) das Risiko verringert.
Eine kleinere Studie aus Deutschland mit 51 Apherese-Patienten zeigt, was der Wirkstoff praktisch leisten kann: Unter Pelacarsen sank der Anteil der noch nötigen Blutwäschen auf 16 Prozent der geplanten Sitzungen, unter Placebo blieb er bei 93 Prozent.
Studienlage
| Ergebnis | Wer und wie viele | Vergleich | Dauer | Gemessen | Studientyp | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Lp(a) hängt ursächlich und stufenlos mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammen; Messung mindestens einmal im Erwachsenenalter | gestützt auf genetische und epidemiologische Studien an Hunderttausenden | entfällt | entfällt | Empfehlung zu Messung und Risikoeinschätzung | Konsenserklärung einer Fachgesellschaft | Kronenberg et al. 2022 |
| Über 93 mg/dl gegen unter 10 mg/dl: Herz-Kreislauf-Sterblichkeit 1,50 (1,28 bis 1,76), Gesamtsterblichkeit 1,20 (1,10 bis 1,30). Mittlere Überlebenszeit 83,9 gegen 85,1 Jahre bei allen übrigen | 69.764 Erwachsene der dänischen Allgemeinbevölkerung mit Lp(a)-Messung; dazu genetische Daten von rund 100.000 | oberste 5 % gegen untere Hälfte, keine Zuteilung; ergänzt durch Erbanlagen | zwei Kohorten mit Nachbeobachtung | Todesfälle | Beobachtung und genetische Analyse | Langsted et al. 2019 |
| Oberstes gegen unterstes Fünftel: Herz-Kreislauf-Ereignisse 1,33 (1,21 bis 1,47) | 27.939 anfangs gesunde Frauen aus den USA, im Mittel 54,7 Jahre | Fünftel der Ausgangswerte, keine Zuteilung | 30 Jahre | Herzinfarkt, Eingriff an den Herzkranzgefäßen, Schlaganfall oder Herz-Kreislauf-Tod zusammen | Beobachtung, Kohorte; nur Frauen | Ridker et al. 2024 |
| Lp(a) je nach Dosis um 35 bis 80 % gesenkt | 286 Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankung und Lp(a) ab 60 mg/dl | Pelacarsen in fünf Dosierungen gegen Placebo | 6 bis 12 Monate | Hauptendpunkt: Veränderung des Laborwerts, keine Ereignisse | Randomisiert, doppelblind, Phase 2 | Tsimikas et al. 2020 |
| Lp(a) in den höheren Dosen um über 95 % gesenkt | 281 Patienten mit Gefäßerkrankung und Lp(a) über 150 nmol/l | Olpasiran in vier Dosierungen gegen Placebo | 36 Wochen | Hauptendpunkt: Veränderung des Laborwerts, keine Ereignisse | Randomisiert, doppelblind, Phase 2 | O’Donoghue et al. 2022 |
| Lp(a) in der höchsten Dosis um 93,9 Prozentpunkte gesenkt (92,5 bis 95,1) | 320 Teilnehmer mit erhöhtem Lp(a) | Lepodisiran in drei Dosierungen gegen Placebo | 180 Tage | Hauptendpunkt: Veränderung des Laborwerts, keine Ereignisse | Randomisiert, Phase 2 | Nissen et al. 2025 |
| Anteil der noch nötigen Blutwäschen 16 gegen 93 % der geplanten Sitzungen | 51 Patienten aus Deutschland mit Blutwäsche und Herz-Kreislauf-Erkrankung; 48 schlossen ab | 80 mg Pelacarsen alle 4 Wochen gegen Placebo | 52 Wochen | Hauptendpunkt: Zahl der durchgeführten Blutwäschen | Randomisiert, placebokontrolliert | Parhofer et al. 2026 |
| Herz-Kreislauf-Ereignisse unter Pelacarsen nicht seltener als unter Placebo, obwohl Lp(a) niedriger war; Zahlen noch nicht veröffentlicht | 8.323 Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankung und Lp(a) ab 70 mg/dl | 80 mg Pelacarsen monatlich gegen Placebo, zusätzlich zur üblichen Behandlung | mindestens 2,5 Jahre | Hauptendpunkt: Herz-Kreislauf-Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall oder dringender Eingriff an den Herzkranzgefäßen zusammen | Randomisiert, doppelblind, Phase 3; bisher nur Meldung des Herstellers | Novartis 2026; Cho et al. 2025 |
In Klammern steht, wo angegeben, das 95-%-Konfidenzintervall.
Österreich
Messung: Lp(a) ist nicht Teil der kostenlosen Gesundenuntersuchung. Als Privatleistung kostet die Bestimmung laut Preisliste eines österreichischen Labors 29,60 Euro, dazu 12,60 Euro für die Blutabnahme (Stand Jänner 2026, inklusive 10 % Mehrwertsteuer).
Einheit beachten: Das Gesundheitsportal gibt den Referenzwert in g/l an (unter 0,25). Befunde nennen mg/dl oder nmol/l. 0,25 g/l sind 25 mg/dl; eine exakte Umrechnung in nmol/l gibt es nicht.
Häufige Fragen
Was ist ein normaler Lipoprotein(a)-Wert?
Das österreichische Gesundheitsportal nennt als Referenzwert unter 0,25 g/l, das sind 25 mg/dl. Die europäische Fachgesellschaft arbeitet mit drei Bereichen: unter 30 mg/dl (75 nmol/l) geringer Beitrag zum Risiko, 30 bis 50 mg/dl (75 bis 125 nmol/l) Grauzone, über 50 mg/dl (125 nmol/l) erhöhtes Risiko.
Was bedeutet ein erhöhter Lipoprotein(a)-Wert?
Ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und eine Verkalkung der Aortenklappe, unabhängig vom LDL-Cholesterin. Der Zusammenhang gilt als ursächlich und verläuft stufenlos: je höher der Wert, desto höher das Risiko.
Wie wirkt sich Lipoprotein(a) auf die Lebenserwartung aus?
In einer dänischen Bevölkerungsstudie lag die mittlere Überlebenszeit bei Werten über 93 mg/dl bei 83,9 Jahren, bei niedrigeren Werten bei 85,1 Jahren. Die Gesamtsterblichkeit war gegenüber Werten unter 10 mg/dl um 20 Prozent erhöht. Das betrifft die obersten 5 Prozent der Verteilung.
Kann man Lipoprotein(a) senken?
Mit Lebensstil kaum: Körperliche Aktivität und Fasten ändern den Wert nach der europäischen Konsenserklärung nicht oder minimal. Statine senken ihn nicht, PCSK9-Hemmer um 15 bis 30 Prozent. Gezielte Wirkstoffe sind in Erprobung; der erste hat in einer großen Studie den Laborwert gesenkt, nicht aber die Zahl der Herz-Kreislauf-Ereignisse (Herstellermeldung vom September 2026). Die Empfehlung lautet, alle anderen Risikofaktoren früh und konsequent zu behandeln.
Wie oft muss man Lipoprotein(a) messen?
In der Regel einmal im Leben. Der Wert ist ab der Kindheit weitgehend stabil. Bei Frauen kann er in den Wechseljahren ansteigen, außerdem verändern ihn Schilddrüsenerkrankungen und eine Schwangerschaft.
Was kostet die Bestimmung von Lipoprotein(a)?
Als Privatleistung laut Preisliste eines österreichischen Labors 29,60 Euro, dazu 12,60 Euro für die Blutabnahme (Stand Jänner 2026, inklusive 10 % Mehrwertsteuer). In der kostenlosen Vorsorgeuntersuchung ist der Wert nicht enthalten.
Sollten Verwandte getestet werden?
Bei sehr hohen Werten, bei familiärer Hypercholesterinämie oder bei frühen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie hält die europäische Fachgesellschaft eine Messung bei Angehörigen für sinnvoll, weil der Wert vererbt wird.
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