Resveratrol: Wirkung und Studienlage
Von Martin Höllinger· Stand · Lesezeit 8 Minuten
Resveratrol ist ein Pflanzenstoff aus Trauben. 2003 machte eine Arbeit in Nature es berühmt: Es aktiviere Sirtuine, eine Familie von Enzymen, die mit der Lebensdauer zusammenhängt, und verlängere das Leben von Hefezellen. 2006 folgten Mäuse, die trotz kalorienreicher Kost länger lebten. An beiden Arbeiten war David Sinclair als letzter Autor beteiligt.
Was folgte, hat die These nicht getragen. Im Testprogramm des US-Instituts für Alternsforschung verlängerte Resveratrol das Leben normal gefütterter Mäuse in zwei Durchgängen nicht. Beim Menschen wird es gut aufgenommen, aber so schnell umgebaut, dass weniger als 1 Prozent unverändert im Blut ankommt. In der Chianti-Region hing die Resveratrol-Aufnahme über die Ernährung bei 783 älteren Menschen über neun Jahre nicht mit der Sterblichkeit zusammen. Und Rotwein enthält im Schnitt 1,9 mg pro Liter.
Woher der Ruf kommt
Howitz et al., Nature 2003, suchten nach kleinen Molekülen, die Sirtuine aktivieren. Diese Enzyme hängen bei Hefe mit der Wirkung von Kalorienreduktion auf die Lebensdauer zusammen. Der stärkste Treffer war Resveratrol, das die Autoren als Polyphenol aus Rotwein vorstellten; Hefezellen lebten damit länger.
Drei Jahre später kamen Säugetiere dazu. Baur et al., Nature 2006, gaben Mäusen mittleren Alters eine kalorienreiche Kost mit und ohne Resveratrol. Mit dem Zusatz glich ihr Stoffwechsel eher dem normal gefütterter Tiere: bessere Insulinempfindlichkeit, mehr Mitochondrien, bessere Motorik. Sie überlebten signifikant länger als die überfütterten Tiere ohne Resveratrol.
Letzter Autor beider Arbeiten ist David Sinclair. Die Geschichte dahinter war eingängig: ein Stoff aus dem Rotwein, der die Wirkung des Fastens nachahmt.
Was danach kam
Der Mechanismus wurde bestritten. Pacholec et al., Journal of Biological Chemistry 2010, eine Arbeitsgruppe des Pharmaunternehmens Pfizer, wiederholten die Enzymtests mit natürlichen Substraten. Resveratrol aktivierte das Sirtuin SIRT1 nur dann, wenn am Testpeptid ein Fluoreszenzfarbstoff hing. Mit den natürlichen Proteinen zeigte sich keine Aktivierung. Der Titel der Arbeit sagt es direkt: keine direkten Aktivatoren von SIRT1.
Der Streit war damit nicht beendet. Hubbard et al., Science 2013, aus der Arbeitsgruppe von David Sinclair, fanden, dass die Aktivierung von bestimmten Abschnitten im Zielprotein abhängt und an einer einzelnen Aminosäure des Enzyms hängt; sie schließen auf eine direkte Aktivierung. Eine Strukturanalyse von 2015 zeigte Resveratrol-Moleküle, die das Enzym und ein Testpeptid mit Farbstoff zusammenhalten, und beschreibt die Wirkung als abhängig vom Substrat. Die pauschale Aussage, Resveratrol aktiviere Sirtuine, ist damit ebenso wenig gedeckt wie die pauschale Widerlegung. Für die Frage, ob eine Kapsel Menschen nützt, entscheidet ohnehin nicht der Enzymtest, sondern die Studie am Menschen.
Normale Mäuse lebten nicht länger. Im Interventions Testing Program werden Substanzen parallel an drei Standorten an genetisch gemischten Mäusen geprüft. Resveratrol wurde zweimal getestet. In der ersten Runde, mit zwei Dosierungen, hatte es keinen signifikanten Effekt auf das Überleben, während Rapamycin im selben Versuch die mittlere Überlebenszeit um 10 bis 18 Prozent verlängerte (Miller et al. 2011). In der zweiten Runde, mit Beginn im Alter von vier Monaten und lebenslanger Gabe, blieb es wieder ohne Wirkung (Strong et al. 2013).
Der Befund von 2006 ist damit nicht widerlegt, aber eingegrenzt: Er gilt für überfütterte Mäuse.
Bioverfügbarkeit: was im Blut ankommt
Walle et al., Drug Metabolism and Disposition 2004, gaben sechs Freiwilligen radioaktiv markiertes Resveratrol, einmal zum Schlucken, einmal in die Vene. Von 25 mg, einer Menge wie aus der Nahrung, nahm der Darm mindestens 70 Prozent auf. Im Blut fanden sich fast nur Umbauprodukte; unverändertes Resveratrol lag unter 5 Nanogramm pro Milliliter. Der Engpass ist die sehr schnelle Kopplung an Sulfat in Darmwand und Leber.
Eine spätere Übersicht desselben Autors beziffert die orale Bioverfügbarkeit auf deutlich unter 1 Prozent. Höhere oder wiederholte Dosen ändern daran nicht viel. Ob die Umbauprodukte selbst wirken oder im Gewebe zurückverwandelt werden, ist eine offene Frage.
Was am Menschen gemessen ist
| Frage | Studie | Ergebnis |
|---|---|---|
| Sterblichkeit | 783 Menschen ab 65 in zwei Dörfern des Chianti, 9 Jahre, Resveratrol-Abbauprodukte im Harn | Kein Zusammenhang. Gestorben sind vom niedrigsten zum höchsten Viertel 34,4, 31,6, 33,5 und 37,4 %. Auch kein Zusammenhang mit Entzündungswerten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs |
| Blutdruck | Metaanalyse, 17 kontrollierte Studien | Insgesamt kein signifikanter Effekt (systolisch minus 2,5 mmHg, nicht gesichert). Effekte in den Untergruppen mit mindestens 300 mg am Tag und bei Diabetes |
| Blutzucker bei Diabetes | Metaanalyse, 19 Studien, 1.151 Typ-2-Diabetiker | Nüchternblutzucker minus 18,8 mg/dl bei Dosen ab 1.000 mg, dazu niedrigerer Blutdruck. Kein Effekt auf Bauchumfang, Triglyzeride, HDL |
Quellen: Semba et al. 2014, Fogacci et al. 2019, Gu et al. 2022.
Die Chianti-Studie ist eine Beobachtungsstudie zu Resveratrol aus der gewohnten Ernährung. Sie maß nicht, was die Leute angaben zu trinken, sondern Abbauprodukte im Harn, und sie zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen. Die Autoren schließen: Resveratrol in den Mengen einer westlichen Ernährung hat keinen wesentlichen Einfluss auf Gesundheit und Sterblichkeit.
Für Kapseln zeigen die Metaanalysen Effekte nur bei hohen Dosen und bei Menschen mit Diabetes. Eine Studie, die bei Gesunden einen Nutzen für harte Endpunkte wie Herzinfarkt belegt, ist nicht darunter.
Rotwein als Quelle
Stervbo et al., Food Chemistry 2007, haben die veröffentlichten Messungen zusammengetragen. Rotwein enthält im Mittel 1,9 mg trans-Resveratrol pro Liter, bei einer Spanne von nicht nachweisbar bis 14,3 mg. Keine Weinregion lag durchgehend höher als die anderen. Bei den Rebsorten standen Pinot Noir und St. Laurent an der Spitze.
Ein Achtel Rotwein liefert danach im Schnitt rund 0,24 mg. Die Untergrenze, ab der die Blutdruck-Metaanalyse überhaupt einen Effekt fand, liegt bei 300 mg am Tag. Mit Wein ist diese Menge nicht zu erreichen, und Alkohol ist kein Weg, Resveratrol aufzunehmen.
Sicherheit und Wechselwirkungen
Die Mengen aus den Studien sind keine Einnahmeempfehlung. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat 2016 ein synthetisches trans-Resveratrol bis 150 mg am Tag für Erwachsene als unbedenklich bewertet. In derselben Stellungnahme hält sie zwei Dinge fest: In vier unkontrollierten Studien traten ab 1 g am Tag Durchfall und andere Magen-Darm-Beschwerden auf. Und ein Abbauprodukt könnte Enzyme der Leber hemmen, über die Medikamente abgebaut werden; betroffen wären vor allem Arzneimittel, die über CYP2C9 verstoffwechselt werden. Wer solche Medikamente nimmt, klärt die Einnahme vorher ärztlich oder in der Apotheke.
Studienlage
| Ergebnis | Wer und wie viele | Vergleich | Dauer | Gemessen | Studientyp | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Lebensdauer von Hefezellen plus 70 % | Hefe; dazu Enzymtests mit menschlichem SIRT1 | Resveratrol gegen unbehandelte Zellen | Lebensdauer der Zellen | Überleben von Hefezellen | Zellkultur und Enzymtest | Howitz et al. 2003 |
| Längeres Überleben und bessere Stoffwechselwerte | Mäuse mittleren Alters auf kalorienreichem Futter | Resveratrol im Futter gegen kalorienreiches Futter allein | Lebensdauer | Überleben; gilt für überfütterte Tiere | Tiermodell | Baur et al. 2006 |
| Keine Aktivierung von SIRT1 mit natürlichen Substraten; Aktivierung nur, wenn am Testpeptid ein Farbstoff hing | gereinigte Enzyme und Proteine | Testpeptid mit und ohne Farbstoff | entfällt | Enzymaktivität | Biochemischer Test, Arbeitsgruppe eines Pharmaunternehmens | Pacholec et al. 2010 |
| Aktivierung hängt von Abschnitten im Zielprotein und von einer einzelnen Aminosäure des Enzyms ab; Autoren schließen auf direkte Aktivierung | gereinigte Enzyme und Zellen in Kultur | natürliche Substrate mit und ohne die passenden Abschnitte | entfällt | Enzymaktivität | Biochemischer Test und Zellkultur | Hubbard et al. 2013 |
| Kein Effekt auf die Lebensdauer, bei Männchen und Weibchen | genetisch gemischte Mäuse an drei Standorten, normal gefüttert | Resveratrol im Futter in zwei Dosen gegen normales Futter; zwei Durchgänge, der zweite mit Beginn im Alter von 4 Monaten | Lebensdauer | Überleben | Tiermodell, öffentliches Testprogramm | Miller et al. 2011; Strong et al. 2013 |
| Aufnahme im Darm mindestens 70 %; unverändertes Resveratrol im Blut nur in Spuren, unter 5 ng/ml | 6 Freiwillige | 25 mg markiertes Resveratrol zum Schlucken und in die Vene | Einzeldosis | Blut- und Harnspiegel | Stoffwechselstudie am Menschen | Walle et al. 2004 |
| Sterblichkeit vom niedrigsten zum höchsten Viertel 34,4, 31,6, 33,5 und 37,4 %; Risikoverhältnis niedrigstes gegen höchstes Viertel 0,80 (0,54 bis 1,17). Kein Zusammenhang | 783 Menschen ab 65 in zwei Dörfern des Chianti; 268 Todesfälle | Viertel nach Resveratrol-Abbauprodukten im Harn, keine Zuteilung | 9 Jahre | Hauptendpunkt: Tod aus jeder Ursache; Resveratrol nur aus der Ernährung | Beobachtung, Kohorte | Semba et al. 2014 |
| Oberer Blutdruckwert minus 2,5 mmHg (minus 5,5 bis 0,6), unterer minus 0,5 (minus 2,2 bis 1,3): nicht gesichert. Effekt in Untergruppen ab 300 mg am Tag und bei Diabetes | 17 Studien | Resveratrol gegen Kontrolle | je nach Studie | Blutdruck | Metaanalyse randomisierter Studien | Fogacci et al. 2019 |
| Bei Typ-2-Diabetes: oberer Blutdruckwert minus 8,0 mmHg (minus 10,6 bis minus 5,3); Nüchternblutzucker nur ab 1.000 mg niedriger; Triglyzeride und HDL unverändert | 1.151 Patienten mit Typ-2-Diabetes in 19 Studien | Resveratrol gegen Placebo | je nach Studie | Laborwerte und Blutdruck, keine Folgeerkrankungen | Metaanalyse randomisierter Studien | Gu et al. 2022 |
In Klammern steht, wo angegeben, das 95-%-Konfidenzintervall.
Österreich
St. Laurent und Pinot Noir: Die beiden Rebsorten mit den höchsten gemessenen Resveratrol-Gehalten werden auch in Österreich angebaut, Pinot Noir unter dem Namen Blauburgunder. An der Größenordnung ändert das nichts: Auch der höchste gemessene Wert von 14,3 mg pro Liter liegt weit unter den Dosen aus den Studien.
Häufige Fragen
Was ist Resveratrol?
Ein Polyphenol, das Pflanzen als Abwehrstoff bilden. Es kommt in Trauben, Rotwein, Schokolade sowie in bestimmten Beeren und Wurzeln vor.
Welche Wirkung hat Resveratrol?
In Zellkultur und an überfütterten Mäusen zeigte es günstige Effekte. Beim Menschen fand eine Metaanalyse von 17 kontrollierten Studien insgesamt keine Wirkung auf den Blutdruck. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes senkten hohe Dosen ab 1.000 mg den Nüchternblutzucker. Belege für ein längeres Leben gibt es beim Menschen nicht.
Wie viel Resveratrol ist in Rotwein?
Im Durchschnitt 1,9 mg pro Liter, mit einer Spanne von nicht nachweisbar bis 14,3 mg. Die höchsten Werte fanden sich in Weinen aus Pinot Noir und St. Laurent. Für 300 mg, die Untergrenze der in Studien wirksamen Dosis, wären im Schnitt rund 158 Liter nötig.
Warum wirkt Resveratrol beim Menschen kaum?
Eine Erklärung ist die Bioverfügbarkeit. Der Darm nimmt rund 70 bis 75 Prozent auf, Darmwand und Leber bauen es aber sofort zu Sulfaten und Glucuroniden um. Unverändertes Resveratrol war im Blut nur in Spuren nachweisbar; die Bioverfügbarkeit liegt deutlich unter 1 Prozent.
Verlängert Resveratrol das Leben?
Bei Hefe und bei Mäusen auf kalorienreicher Kost ja. Bei normal gefütterten Mäusen in zwei Durchgängen des Interventions Testing Program nicht. Beim Menschen fand eine Beobachtungsstudie über neun Jahre keinen Zusammenhang zwischen Resveratrol aus der Ernährung und der Sterblichkeit.
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