Ashwagandha: Nebenwirkungen und Studienlage
Von Martin Höllinger· Stand · Lesezeit 9 Minuten
Ashwagandha, auf Deutsch Schlafbeere, ist eine Pflanze der ayurvedischen Medizin. Kapseln mit Wurzelextrakt werden gegen Stress, für besseren Schlaf und für mehr Leistung verkauft. In kontrollierten Studien mit mindestens 250 mg am Tag sank das Stresshormon Cortisol im Blut um durchschnittlich 1,16 µg/dl. Beim selbst eingeschätzten Stress fand dieselbe Auswertung keinen gesicherten Unterschied zu Placebo.
Den möglichen Wirkungen stehen dokumentierte Schäden gegenüber. Aus Island, den USA und Indien liegen Fallserien von Leberentzündungen mit Gelbsucht vor, die zwei bis zwölf Wochen nach Beginn der Einnahme auftraten. In der indischen Serie starben drei Patienten mit vorgeschädigter Leber. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung rät Kindern, Schwangeren, Stillenden und Menschen mit Lebererkrankungen von der Einnahme ab und allen anderen zur Zurückhaltung.
Was das BfR sagt
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat im September 2024 eine Mitteilung zu Ashwagandha veröffentlicht. Die Kernpunkte:
- Nutzen nicht belegt. Die beworbenen Wirkungen auf Leistung, Einschlafen und Stress sind nach Einschätzung des Instituts wissenschaftlich nicht belegt.
- Risiken schlecht untersucht. In den Studien am Menschen wurde vor allem nach Nutzen gesucht. Unerwünschte Wirkungen wurden nicht systematisch erfasst.
- Kein Richtwert. Eine gesundheitlich unbedenkliche Aufnahmemenge ließ sich aus den Daten nicht ableiten.
- Produkte kaum vergleichbar. Verwendet werden Wurzel oder Blätter und verschiedene Extraktionsverfahren. Art und Gehalt der Inhaltsstoffe, vor allem der Withanolide, unterscheiden sich zwischen den Präparaten vermutlich stark.
- Empfehlung. Kinder, Schwangere, Stillende und Menschen mit bestehender oder früherer Lebererkrankung sollen keine Ashwagandha-Präparate einnehmen. Allen anderen rät das Institut zur Zurückhaltung.
Leberschäden: die Fallserien
| Serie | Fälle | Verlauf |
|---|---|---|
| Island und USA, 2016 bis 2018 | 5 Patienten, 21 bis 62 Jahre, 3 Männer | Gelbsucht, Übelkeit, Juckreiz nach 2 bis 12 Wochen Einnahme. Juckreiz und erhöhtes Bilirubin hielten 5 bis 20 Wochen an. Kein Leberversagen, Leberwerte bei vier Patienten nach 1 bis 5 Monaten normal |
| Indien, 2019 bis 2022 | 8 Patienten mit reinen Ashwagandha-Präparaten, aus 23 Verdachtsfällen | Meist Leberentzündung mit Gallestau. Fünf hatten eine chronische Lebererkrankung, drei davon entwickelten ein Leberversagen und starben. Bei den übrigen langwieriger, aber selbstbegrenzter Verlauf |
Quellen: Björnsson et al. 2020, Philips et al. 2023.
In beiden Serien wurden die Präparate chemisch untersucht. Sie enthielten Ashwagandha und keine anderen giftigen Stoffe oder Verunreinigungen. Andere Ursachen für den Leberschaden wurden ausgeschlossen. In der ersten Serie nahmen vier der fünf Patienten weitere Nahrungsergänzungsmittel, was die Zuordnung erschwert.
Fallserien zeigen, dass etwas vorkommt, nicht wie oft. Die indischen Autoren ziehen einen klaren Schluss für eine Gruppe: Für Menschen mit vorgeschädigter Leber kann Ashwagandha lebensgefährlich sein.
Schilddrüse
Das BfR führt Wirkungen auf Schilddrüsenhormone unter den Hinweisen auf. Dokumentiert ist ein Fall aus den Niederlanden: Eine 32-jährige gesunde Frau entwickelte unter Ashwagandha-Kapseln, nachdem sie die Dosis erhöht hatte, eine Schilddrüsenüberfunktion, die im Labor bestätigt wurde. Nach dem Absetzen verschwanden die Beschwerden, und die Werte normalisierten sich (van der Hooft et al. 2005). Bei Mäusen erhöhte der Wurzelextrakt die Schilddrüsenhormone im Blut.
Was die Wirkstudien zeigen
| Frage | Auswertung | Ergebnis |
|---|---|---|
| Cortisol | 7 kontrollierte Studien, zusammen mit den Stress-Studien 488 Teilnehmer, mindestens 250 mg am Tag | Cortisol minus 1,16 µg/dl |
| Stressempfinden | 6 kontrollierte Studien, dieselbe Auswertung | Kein gesicherter Unterschied zu Placebo |
| Angst und Stress | 12 Studien, 1.002 Teilnehmer zwischen 25 und 48 Jahren | Beide niedriger als unter Placebo, bei Stress am deutlichsten mit 300 bis 600 mg. Sicherheit der Evidenz: niedrig |
| Schlaf | 5 Studien, 400 Teilnehmer | Kleiner, signifikanter Effekt, deutlicher bei Schlafstörung, ab 600 mg und ab 8 Wochen |
Quellen: Albalawi 2025, Akhgarjand et al. 2022, Cheah et al. 2021.
Die beiden Stress-Auswertungen widersprechen einander: Die ältere findet einen deutlichen Effekt auf das Stressempfinden und stuft ihre eigene Beweislage als schwach ein, die jüngere findet keinen. Übereinstimmend ist der Befund beim Cortisol. Dass ein Hormonwert sinkt, ohne dass sich die Betroffenen weniger gestresst fühlen, ist das eigentliche Ergebnis.
Die Autoren der Schlaf-Auswertung halten fest, dass in den Studien keine schweren Nebenwirkungen berichtet wurden, die Sicherheitsdaten aber begrenzt sind und für eine Aussage zur Langzeiteinnahme nicht reichen.
Gewicht
Gesucht wird häufig nach einer Gewichtszunahme durch Ashwagandha. In den Studien wurde das Gewicht einmal gezielt untersucht: Choudhary et al. 2017 gaben 52 chronisch gestressten Erwachsenen acht Wochen lang zweimal täglich 300 mg Wurzelextrakt oder Placebo. Unter Ashwagandha besserten sich Stresswert, Heißhunger, Cortisol, Körpergewicht und BMI. Die Autoren sehen darin einen Ansatz zur Gewichtskontrolle bei Stress, nicht eine Ursache für Zunahme.
Studienlage
| Ergebnis | Wer und wie viele | Vergleich | Dauer | Gemessen | Studientyp | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Leberentzündung mit Gelbsucht 2 bis 12 Wochen nach Beginn der Einnahme; kein Leberversagen, Leberwerte bei vier Patienten nach 1 bis 5 Monaten normal | 5 Patienten, 21 bis 62 Jahre, Island und USA; vier nahmen weitere Präparate | keiner | Fälle aus 2016 bis 2018 | Krankheitsverlauf einzelner Fälle; sagt nichts über die Häufigkeit | Fallserie | Björnsson et al. 2020 |
| Drei Todesfälle, alle bei vorbestehender chronischer Lebererkrankung | 8 Patienten mit einem Präparat nur aus Ashwagandha, ausgewählt aus 23 Fällen, Indien | keiner | Fälle aus 2019 bis 2022 | Krankheitsverlauf einzelner Fälle; sagt nichts über die Häufigkeit | Fallserie, rückblickend | Philips et al. 2023 |
| Cortisol minus 1,16 µg/dl (minus 1,64 bis minus 0,69). Stressempfinden: kein gesicherter Unterschied (standardisierte Differenz minus 0,36; minus 1,19 bis 0,47) | 488 Personen; 7 Studien zum Cortisol, 6 zum Stressempfinden | Ashwagandha ab 250 mg am Tag gegen Placebo | mindestens 2 Wochen | Laborwert und Fragebogen | Metaanalyse randomisierter Studien, mittleres Verzerrungsrisiko | Albalawi 2025 |
| Angst (standardisierte Differenz minus 1,55; minus 2,37 bis minus 0,74) und Stress (minus 1,75; minus 2,29 bis minus 1,22) niedriger. Einzelstudien sehr uneinheitlich | 1.002 Personen in 12 Studien, 25 bis 48 Jahre | Ashwagandha-Extrakt gegen Placebo | in der Zusammenfassung nicht angegeben | Fragebögen | Metaanalyse randomisierter Studien, Belege niedriger Sicherheit | Akhgarjand et al. 2022 |
| Kleiner Effekt auf den Schlaf insgesamt (standardisierte Differenz minus 0,59; minus 0,75 bis minus 0,42); stärker bei Schlafstörung, ab 600 mg und ab 8 Wochen. Lebensqualität unverändert | 400 Erwachsene in 5 Studien | Ashwagandha-Extrakt gegen Placebo | je nach Studie, Untergruppe ab 8 Wochen | Schlafdauer und Schlafqualität; kaum Daten zu schweren Nebenwirkungen | Metaanalyse randomisierter Studien | Cheah et al. 2021 |
| Stressfragebogen, Heißhunger, Cortisol und Körpergewicht gebessert | 52 Erwachsene unter Dauerstress | 300 mg Wurzelextrakt zweimal täglich gegen Placebo | 8 Wochen | Hauptziele: Stress- und Heißhunger-Fragebogen; Gewicht nur als Nebenziel | Randomisiert, doppelblind | Choudhary et al. 2017 |
| Schilddrüsenüberfunktion nach Erhöhung der Dosis | eine Patientin | keiner | Einzelfall | Krankheitsverlauf eines Falls | Einzelfallbericht | van der Hooft et al. 2005 |
In Klammern steht, wo angegeben, das 95-%-Konfidenzintervall.
Österreich
Bei Lebererkrankungen: Menschen mit bestehender oder früherer Lebererkrankung rät das BfR von Ashwagandha ab. Die kostenlose Gesundenuntersuchung enthält mit Gamma-GT einen Leberwert; ein unauffälliger Einzelwert schließt eine Lebererkrankung aber nicht aus und ist keine Freigabe für die Einnahme. Bei Gelbfärbung, dunklem Harn, Juckreiz oder Übelkeit: absetzen und ärztlich abklären.
Bei Beschwerden: Gelbsucht, Übelkeit, Abgeschlagenheit und Juckreiz waren in der isländisch-amerikanischen Fallserie die Zeichen der Leberschädigung. Sie sind ein Grund, das Präparat abzusetzen und ärztliche Hilfe zu suchen.
Häufige Fragen
Welche Nebenwirkungen hat Ashwagandha?
Das BfR nennt als berichtete akute Folgen Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, außerdem Benommenheit, Kopfschmerzen, Schwindel, Schläfrigkeit und Hautausschläge. Dazu kommen Fallberichte über Leberschäden und Hinweise auf Wirkungen auf Cortisol, Blutzucker, Schilddrüsen- und Sexualhormone. Systematisch erfasst wurden unerwünschte Wirkungen in den Studien bisher nicht.
Ist Ashwagandha schädlich für die Leber?
Es gibt Fallserien, die das nahelegen. In fünf Fällen aus Island und den USA trat zwei bis zwölf Wochen nach Beginn eine Leberentzündung mit Gelbsucht auf, die sich nach ein bis fünf Monaten zurückbildete. In einer indischen Serie mit acht Patienten starben drei, die bereits eine chronische Lebererkrankung hatten. Wie häufig das im Verhältnis zur Zahl der Anwender ist, lässt sich aus Fallserien nicht ableiten.
Führt Ashwagandha zu Gewichtszunahme?
Die vorliegenden Studien stützen das nicht. Körpergewicht wurde in einer kontrollierten Studie mit 52 chronisch gestressten Erwachsenen über acht Wochen gemessen; dort verbesserten sich Gewicht und BMI unter Ashwagandha gegenüber Placebo. Eine Zunahme ist in den hier ausgewerteten Arbeiten und in der BfR-Mitteilung nicht als Nebenwirkung genannt.
Senkt Ashwagandha den Cortisolspiegel?
In einer Metaanalyse von sieben kontrollierten Studien um durchschnittlich 1,16 µg/dl. Das Stressempfinden auf dem Fragebogen änderte sich in derselben Auswertung nicht gesichert. Ein niedrigerer Laborwert ist also nicht dasselbe wie weniger Stress.
Wer sollte Ashwagandha nicht nehmen?
Nach der Empfehlung des BfR: Kinder, Schwangere, Stillende und Menschen mit bestehender oder früherer Lebererkrankung. Wegen der Hinweise auf Wirkungen auf Schilddrüsen- und Sexualhormone sowie den Blutzucker sollten Menschen mit entsprechenden Erkrankungen oder Medikamenten die Einnahme ärztlich besprechen.
Wie wird Ashwagandha dosiert?
Einen Richtwert für eine gesundheitlich unbedenkliche Menge gibt es nicht; das BfR konnte keinen ableiten. In den Studien wurden meist 250 bis 600 mg Wurzelextrakt am Tag über einige Wochen gegeben. Daten zur Langzeiteinnahme fehlen.
Dazu passt
- Schlaf und Stress
Cortisol, HRV, Tiefschlaf, Atemübungen.
- Magnesium: Bedarf, Formen und was die Studien zeigen
300 bis 350 mg Bedarf, 250 mg als empfohlene Höchstmenge für Präparate, Vergleich von Citrat, Glycinat, Oxid und Threonat, Studien zu Schlaf, Blutdruck und Krämpfen.
- Glycin: Wirkung und Studienlage
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Was die Vorsorgeuntersuchung misst, was ApoB, Lp(a), HbA1c und hs-CRP zusätzlich zeigen, Referenzwerte aus dem Gesundheitsportal und Privatpreise in Österreich.
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