Berberin: Wirkung, Studienlage und Risiken
Von Martin Höllinger· Stand · Lesezeit 9 Minuten
Berberin ist ein gelber Pflanzenstoff aus der Rinde und Wurzel der Berberitze und anderer Pflanzen. In Studien an Menschen mit Typ-2-Diabetes senkte es den Langzeit-Blutzucker HbA1c im Schnitt um 0,5 bis 0,7 Prozentpunkte, bei Dosen um 1 bis 1,5 Gramm am Tag. Das ist eine Arzneimittelwirkung, und genau darin liegt das Problem: Die französische Lebensmittelbehörde erwartet ab 400 mg am Tag pharmakologische Effekte auf Herz-Kreislauf-, Nerven- und Immunsystem.
Die Studien wurden an Kranken durchgeführt, die Auswertungen stützen sich stark auf chinesische Datenbanken, und die methodische Qualität ist nach dem Urteil der Auswerter oft gering. Die EFSA hat im Jänner 2026 im Entwurf einer Bewertung Sicherheitsbedenken und Datenlücken festgestellt und keine sichere Tagesdosis abgeleitet. Berberin hemmt außerdem Leberenzyme, über die viele Medikamente abgebaut werden.
Woher Berberin stammt
Die Früchte der Berberitze sind ein Lebensmittel. Rinde und Wurzelrinde sind es nicht: Dort sitzt das Berberin in hoher Konzentration. Die Rinde gilt nach Angaben der Verbraucherzentrale als Arzneistoff mit einer Negativmonografie, das heißt mit ungünstig bewertetem Verhältnis von Nutzen und Risiko.
Als Arzneistoff wurde Berberin zunächst gegen Infektionen des Darms eingesetzt. Dass es den Blutzucker senkt, fiel nach den Autoren einer der Diabetes-Studien auf, als Diabetiker es gegen Durchfall bekamen.
Blutzucker: was die Studien zeigen
| Auswertung | Umfang | Ergebnis |
|---|---|---|
| Guo et al. 2021 | 46 Studien an Typ-2-Diabetikern | HbA1c minus 0,73 Prozentpunkte, Nüchternblutzucker minus 0,86 mmol/l, Blutzucker nach dem Essen minus 1,26 mmol/l |
| Liang et al. 2019 | 28 Studien, 2.313 Typ-2-Diabetiker | HbA1c minus 0,54, Nüchternblutzucker minus 0,54 mmol/l |
| Zhang et al. 2008 | 116 Diabetiker mit Fettstoffwechselstörung, 1 g am Tag, 3 Monate, Placebo-Vergleich | HbA1c von 7,5 auf 6,6 %, Nüchternblutzucker von 7,0 auf 5,6 mmol/l |
Quellen: Guo et al., Liang et al., Zhang et al..
Die Auswertung von Liang nennt drei Einschränkungen, die selten zitiert werden. Die Wirkung auf den Blutzucker war nicht mehr deutlich, wenn die Behandlung länger als 90 Tage dauerte, wenn mehr als 2 Gramm am Tag gegeben wurden und wenn die Patienten älter als 60 Jahre waren. Am besten wirkte Berberin zusammen mit einem Diabetes-Medikament.
Alle diese Zahlen stammen von Menschen mit Diabetes. Was Berberin bei gesunden Erwachsenen mit normalem Blutzucker bewirkt, beantworten sie nicht.
Blutfette
Ju et al., Phytomedicine 2018, werteten 16 Studien mit 2.147 Teilnehmern mit Fettstoffwechselstörung aus. Das Gesamtcholesterin sank im Mittel um 0,47 mmol/l, das sind rund 18 mg/dl. Die Autoren schränken ihr eigenes Ergebnis deutlich ein: Die Studien waren sehr unterschiedlich angelegt, und die Mehrzahl hatte bei Zufallszuteilung, Verblindung und Umgang mit Studienabbrechern ein hohes Risiko für Verzerrungen.
Daten dazu, ob Berberin Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindert, liefert keine dieser Arbeiten. Gemessen wurden Laborwerte.
Der Vergleich mit Metformin
Die Aussage, Berberin wirke wie Metformin, geht auf Yin et al., Metabolism 2008, zurück. 36 Erwachsene mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes erhielten drei Monate lang dreimal täglich 0,5 Gramm Berberin oder Metformin. Die Blutzuckersenkung war ähnlich; in der Berberin-Gruppe fiel das HbA1c von 9,5 auf 7,5 Prozent. Im zweiten Teil der Studie, in dem 48 schlecht eingestellte Diabetiker Berberin zusätzlich bekamen, hatten 34,5 Prozent vorübergehende Magen-Darm-Beschwerden.
Die Autoren selbst nennen ihre Arbeit eine Pilotstudie. 36 Personen über drei Monate sind keine Grundlage, um ein seit Jahrzehnten eingesetztes Medikament zu ersetzen.
Wechselwirkungen mit Medikamenten
Berberin hemmt Enzyme, mit denen die Leber Medikamente abbaut. Guo et al., European Journal of Clinical Pharmacology 2012, gaben gesunden Männern zwei Wochen lang dreimal täglich 300 mg und maßen danach die Aktivität von fünf Enzymen mit Testsubstanzen. Die Aktivität von CYP2D6, CYP2C9 und CYP3A4 nahm ab. Für CYP2D6 wurde im Harn gemessen, wie viel von einer Testsubstanz unverändert blieb und wie viel abgebaut wurde. Dieses Verhältnis stieg auf das Neunfache: Es blieb also viel mehr unverändert, das Enzym arbeitete entsprechend langsamer.
Über diese drei Enzyme läuft der Abbau zahlreicher Arzneistoffe. Ein Beispiel aus einer Studie: Bei gesunden Freiwilligen, die das Immunsuppressivum Ciclosporin in einer Dosis von 3 mg pro Kilogramm bekamen, erhöhte Berberin dessen Aufnahme ins Blut um 19,2 Prozent.
Die Verbraucherzentrale nennt Wechselwirkungen mit Sulfonylharnstoffen, einer Gruppe von Diabetes-Medikamenten, und mit Mitteln, die das Immunsystem unterdrücken. Zusammen mit CBD seien Herzrhythmusstörungen möglich.
Was die Behörden sagen
- EFSA: Im Entwurf einer wissenschaftlichen Bewertung vom 29. Jänner 2026 stellt die Behörde Sicherheitsbedenken und Datenmängel fest. Eine sichere Tagesdosis lasse sich nicht festlegen. Der Entwurf betrifft Zubereitungen aus berberinhaltigen Pflanzen. Die öffentliche Konsultation lief vom 3. März bis 11. Mai 2026. Eine solche Bewertung ist eine wissenschaftliche Stellungnahme; ob daraus ein Verbot oder eine Beschränkung wird, entscheiden Kommission und Mitgliedstaaten in einem eigenen Schritt.
- ANSES (Frankreich): Nahrungsergänzungsmittel aus berberinhaltigen Pflanzen können zu Magen-Darm-Störungen, Unterzuckerung und Blutdruckabfall führen. Ab 400 mg Berberin am Tag sind bei Erwachsenen pharmakologische Wirkungen zu erwarten. Solche Wirkungen sind Arzneimitteln vorbehalten.
- Werbung: Für Berberin gibt es keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Bezeichnungen wie „Blutzuckerregulat“ sind für Nahrungsergänzungsmittel verboten.
Zwischen Studien und Behörden besteht kein Widerspruch. Die Dosen, bei denen der Blutzucker in den Studien sank, liegen mit 1 bis 1,5 Gramm über der Schwelle, ab der die ANSES von einer Arzneimittelwirkung ausgeht.
Studienlage
| Ergebnis | Wer und wie viele | Vergleich | Dauer | Gemessen | Studientyp | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|---|
| HbA1c minus 0,73 Prozentpunkte (minus 0,97 bis minus 0,51), Nüchternblutzucker minus 0,86 mmol/l (minus 1,10 bis minus 0,62) | Patienten mit Typ-2-Diabetes in 46 Studien, überwiegend aus chinesischen Datenbanken | Berberin allein oder zusätzlich zur üblichen Behandlung gegen Kontrolle | je nach Studie | Laborwerte, keine Folgeerkrankungen | Metaanalyse randomisierter Studien | Guo et al. 2021 |
| Nüchternblutzucker minus 0,54 mmol/l (minus 0,77 bis minus 0,30). Wirkung nach mehr als 90 Tagen, über 2 g am Tag und über 60 Jahren nicht mehr deutlich | 2.313 Patienten mit Typ-2-Diabetes in 28 Studien | Berberin gegen Kontrolle; am besten zusammen mit einem Diabetes-Medikament | Untergruppen bis und über 90 Tage | Laborwerte | Metaanalyse randomisierter Studien | Liang et al. 2019 |
| Gesamtcholesterin minus 0,47 mmol/l (minus 0,64 bis minus 0,31), LDL minus 0,38 mmol/l (minus 0,53 bis minus 0,22) | 2.147 Menschen mit Fettstoffwechselstörung in 16 Studien | Berberin gegen Kontrolle | je nach Studie | Laborwerte, keine Herzinfarkte oder Schlaganfälle | Metaanalyse randomisierter Studien; Mehrzahl mit hohem Verzerrungsrisiko, sehr unterschiedlich angelegt | Ju et al. 2018 |
| Blutzuckersenkung ähnlich wie unter Metformin; HbA1c unter Berberin von 9,5 auf 7,5 % | 36 Erwachsene mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes | 0,5 g Berberin dreimal täglich gegen Metformin in gleicher Dosis, ohne Placebo | 3 Monate | Laborwerte | Randomisiert, Pilotstudie | Yin et al. 2008 |
| HbA1c von 7,5 auf 6,6 %, Gesamtcholesterin von 5,31 auf 4,35 mmol/l, jeweils gesichert besser als Placebo | 116 Patienten mit Typ-2-Diabetes und Fettstoffwechselstörung | 1 g Berberin am Tag gegen Placebo | 3 Monate | Hauptziele: Blutzucker und Blutfette | Randomisiert, placebokontrolliert | Zhang et al. 2008 |
| Aktivität von CYP2D6, CYP2C9 und CYP3A4 vermindert; Blutspiegel der Testsubstanz für CYP3A4 um rund 40 % höher | gesunde Männer | 300 mg Berberin dreimal täglich gegen Placebo, jeder Teilnehmer bekam beides | 2 Wochen je Phase | Abbau von Testsubstanzen als Maß der Enzymaktivität | Randomisiert, Crossover | Guo et al. 2012 |
In Klammern steht, wo angegeben, das 95-%-Konfidenzintervall.
Österreich
Rechtslage: Das Verfahren bei der EFSA betrifft die gesamte EU und ist noch nicht abgeschlossen. Die deutsche Verbraucherzentrale hält den Verkauf von reinem Berberin als Nahrungsergänzungsmittel für unzulässig. Eine österreichische Behördenaussage dazu, wie Reinsubstanz, Pflanzenzubereitungen und Arzneimittel im Einzelnen abzugrenzen sind, liegt dieser Darstellung nicht zugrunde. Wer es genau wissen muss, fragt bei der Lebensmittelaufsicht nach.
Erhöhter Blutzucker: Der Nüchternblutzucker ist Teil der kostenlosen Gesundenuntersuchung. Ein auffälliger Wert gehört ärztlich abgeklärt.
Häufige Fragen
Was ist Berberin?
Ein Alkaloid aus der Gruppe der Isochinolinalkaloide. Es kommt in Rinde und Wurzel der Berberitze vor, außerdem in der Kanadischen Orangenwurzel, der Mahonie, der Kolombowurzel und im Schöllkraut. In den Früchten der Berberitze ist es nur in deutlich kleinerer Menge enthalten.
Welche Wirkung hat Berberin?
In Studien an Menschen mit Typ-2-Diabetes sanken Nüchternblutzucker, HbA1c, Triglyzeride und Cholesterin. Eine Auswertung von 46 Studien fand beim HbA1c im Mittel minus 0,73 Prozentpunkte. Die Studien wurden an Kranken durchgeführt, ihre Qualität gilt als niedrig. Für Gesunde gibt es keine vergleichbaren Daten.
Hilft Berberin beim Abnehmen?
Überzeugende Belege gibt es nicht. Die Verbraucherzentrale verweist auf die US-Gesundheitsbehörde NCCIH, nach der nur sehr wenige Studien vorliegen, meist an Kranken. Als Alternative zur Abnehmspritze darf Berberin nicht beworben werden.
Welche Nebenwirkungen hat Berberin?
Am häufigsten Magen-Darm-Beschwerden; in einer Diabetes-Studie betraf das 34,5 Prozent der Teilnehmer. Die französische Behörde ANSES nennt außerdem Unterzuckerung und Blutdruckabfall. Als Vergiftungszeichen sind Benommenheit, Nasenbluten, Erbrechen, Durchfall und Nierenreizung beschrieben, dazu eine erhöhte Empfindlichkeit gegen UVA-Strahlung.
Wer sollte Berberin nicht nehmen?
Nach der Bewertung der ANSES: Kinder und Jugendliche, Schwangere und Stillende, Menschen mit Diabetes sowie mit Leber- oder Herzerkrankungen. Wer Medikamente nimmt, sollte Berberin nicht ohne ärztliche Rücksprache dazunehmen, weil es deren Abbau in der Leber hemmt.
Ist Berberin so wirksam wie Metformin?
Eine kleine Studie von 2008 mit 36 neu diagnostizierten Diabetikern fand nach drei Monaten eine ähnliche Blutzuckersenkung wie unter Metformin. Das ist ein einzelner kleiner Vergleich ohne Langzeitdaten. Für Metformin liegen Jahrzehnte an Erfahrung und Daten zu Folgeerkrankungen vor, für Berberin nicht.
Ist Berberin in Österreich als Nahrungsergänzungsmittel erlaubt?
Abschließend geklärt ist das nicht. Die deutsche Verbraucherzentrale hält den Verkauf von reinem Berberin als Nahrungsergänzungsmittel in der EU für unzulässig und schreibt, dass Rinde und Wurzel der Berberitze nicht in Lebensmittel gehören. Die EFSA prüft die Sicherheit berberinhaltiger Pflanzenzubereitungen; ihr Entwurf vom Jänner 2026 nennt Sicherheitsbedenken und Datenmängel. Eine rechtliche Entscheidung auf dieser Grundlage steht aus.
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