Mediterrane Ernährung: Studienlage und Wochenplan
Von Martin Höllinger· Stand · Lesezeit 9 Minuten
Für die mediterrane Ernährung gibt es zwei große kontrollierte Studien, die Herzinfarkte und Schlaganfälle gezählt haben. In der spanischen PREDIMED-Studie wurden 7.447 Menschen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko per Los drei Gruppen zugeteilt. Nach 4,8 Jahren hatten jene mit mediterraner Kost und zusätzlichem Olivenöl 31 Prozent weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Todesfälle als die Gruppe mit fettarmer Kost, jene mit zusätzlichen Nüssen 28 Prozent weniger.
Bei 1.002 Menschen, die bereits eine koronare Herzkrankheit hatten, schnitt die mediterrane Kost über sieben Jahre ebenfalls besser ab als eine fettarme. Die Geschichte von den Blue Zones, in denen Menschen wegen ihrer Ernährung besonders alt werden sollen, ist dagegen umstritten: Eine noch nicht begutachtete Auswertung der Altersregister führt die Häufung sehr alter Menschen auf lückenhafte Geburtsurkunden und Fehler bei Altersangaben zurück.
Die PREDIMED-Studie
Estruch et al., New England Journal of Medicine 2018, ist eine kontrollierte Ernährungsstudie mit harten Endpunkten. 7.447 Spanierinnen und Spanier zwischen 55 und 80 Jahren mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko, aber ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung, wurden einer von drei Gruppen zugeteilt.
| Gruppe | Ereignisse | Risiko gegenüber Kontrolle |
|---|---|---|
| Mediterrane Kost mit nativem Olivenöl extra | 96 (3,8 %) | minus 31 % |
| Mediterrane Kost mit gemischten Nüssen | 83 (3,4 %) | minus 28 % |
| Kontrolle: Rat zu fettarmer Kost | 109 (4,4 %) | Vergleichsgruppe |
Gezählt wurden Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankung über im Median 4,8 Jahre. Die Teilnehmer bekamen das Olivenöl oder die Nüsse kostenlos gestellt und nahmen vierteljährlich an Schulungen teil.
Die Studie hat eine Vorgeschichte, die man kennen sollte. Sie erschien zuerst 2013. Später fanden die Autoren Abweichungen vom Protokoll: An einem der elf Zentren waren Teilnehmer nicht per Los zugeteilt worden, und Haushaltsmitglieder waren ohne Zufallszuteilung aufgenommen worden. Die Arbeit wurde zurückgezogen und 2018 neu ausgewertet. Die Ergebnisse blieben ähnlich, auch nach Ausschluss der 1.588 betroffenen Teilnehmer.
Bei bestehender Herzkrankheit: CORDIOPREV
Delgado-Lista et al., Lancet 2022, haben 1.002 Patienten mit koronarer Herzkrankheit in Córdoba sieben Jahre lang begleitet, die Hälfte mit mediterraner, die Hälfte mit fettarmer Kost. Ein schweres Herz-Kreislauf-Ereignis trat bei 87 Patienten der mediterranen und bei 111 der fettarmen Gruppe auf. Je nach Rechenmodell lag das Risiko um 25 bis 28 Prozent niedriger. Bei Männern, die 82,5 Prozent der Teilnehmer stellten, war der Effekt deutlicher.
Die Cochrane-Übersicht über 30 kontrollierte Studien bleibt vorsichtig. Für die Vorbeugung von Schlaganfällen sieht sie Belege von mäßiger Qualität, für die Senkung der Sterblichkeit bei bestehender Erkrankung Belege von niedriger Qualität. Ihr Fazit: Es besteht noch Unsicherheit. Der Grund ist nicht ein fehlender Effekt, sondern dass nur wenige Studien Krankheiten und Todesfälle gezählt haben.
Der 14-Punkte-Check
Was „mediterran“ in der Studie hieß, legt ein Fragebogen fest. Für jede erfüllte Bedingung gibt es einen Punkt.
| Nr. | Kriterium | Punkt bei |
|---|---|---|
| 1 | Olivenöl als Hauptfett in der Küche | ja |
| 2 | Olivenöl pro Tag, einschließlich Braten und Salat | mindestens 4 Esslöffel |
| 3 | Gemüse pro Tag, eine Portion sind 200 g | mindestens 2 Portionen, eine davon roh oder als Salat |
| 4 | Obst pro Tag | mindestens 3 Stück |
| 5 | Rotes Fleisch, Faschiertes, Wurst pro Tag, eine Portion sind 100 bis 150 g | weniger als 1 Portion |
| 6 | Butter, Margarine, Obers pro Tag, eine Portion sind 12 g | weniger als 1 Portion |
| 7 | Gesüßte oder kohlensäurehaltige Getränke pro Tag | weniger als 1 |
| 8 | Wein pro Woche (Kriterium der Studie, keine Empfehlung) | mindestens 7 Gläser |
| 9 | Hülsenfrüchte pro Woche, eine Portion sind 150 g | mindestens 3 Portionen |
| 10 | Fisch oder Meeresfrüchte pro Woche, eine Portion sind 100 bis 150 g | mindestens 3 Portionen |
| 11 | Gekaufte Süßigkeiten und Gebäck pro Woche | weniger als 3-mal |
| 12 | Nüsse pro Woche, eine Portion sind 30 g | mindestens 3 Portionen |
| 13 | Geflügel oder Kaninchen statt Kalb, Schwein, Faschiertem, Wurst | ja |
| 14 | Gerichte mit Sofrito pro Woche: Soße aus Paradeisern, Zwiebel, Lauch oder Knoblauch, in Olivenöl geschmort | mindestens 2-mal |
Quelle: Martínez-González et al., PLoS One 2012.
Bei den 7.447 Studienteilnehmern hing die Punktzahl mit dem Bauchumfang zusammen. Wer 10 Punkte oder mehr erreichte, hatte gegenüber 7 Punkten oder weniger um rund ein Drittel seltener ein stark erhöhtes Verhältnis von Bauchumfang zu Körpergröße. Am stärksten wirkten zwei Punkte: viele Nüsse und wenig gesüßte Getränke.
Der Weinpunkt gehört zum Originalfragebogen aus Spanien und beschreibt, was die Teilnehmer damals tranken. Er ist kein Grund, mit Alkohol anzufangen oder mehr zu trinken: Die Studie hat Ernährungsmuster als Ganzes verglichen und nicht geprüft, was einzelne Punkte beitragen, und nach der Weltgesundheitsorganisation gibt es für das Krebsrisiko keine unbedenkliche Alkoholmenge. Eine mediterrane Ernährung braucht keinen Wein; wer den Punkt weglässt, zählt 13 statt 14.
Olivenöl
Guasch-Ferré et al., Journal of the American College of Cardiology 2022, haben 60.582 Frauen und 31.801 Männer aus zwei US-Kohorten über 28 Jahre verfolgt und alle vier Jahre nach ihrer Ernährung gefragt. In dieser Zeit starben 36.856 Teilnehmer.
| Vergleich | Ergebnis |
|---|---|
| Mehr als 7 g Olivenöl am Tag gegen nie oder selten | Gesamtsterblichkeit minus 19 % |
| Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankung | minus 19 % |
| Tod durch Krebs | minus 17 % |
| Tod durch neurodegenerative Erkrankung | minus 29 % |
| 10 g Butter, Margarine, Mayonnaise oder Milchfett durch Olivenöl ersetzt | 8 bis 34 % niedrigeres Risiko je nach Todesursache |
| Olivenöl gegen andere Pflanzenöle zusammen | kein signifikanter Unterschied |
Die letzte Zeile ist für Mitteleuropa interessant. Ein Vorteil zeigte sich beim Ersatz von Butter, Margarine, Mayonnaise und Milchfett durch Olivenöl, nicht im Vergleich mit anderen Pflanzenölen zusammen. Dass kein gesicherter Unterschied gefunden wurde, beweist allerdings keine Gleichwertigkeit, und die anderen Öle wurden als Gruppe ausgewertet, nicht einzeln. Es ist eine Beobachtungsstudie; Menschen, die Olivenöl verwenden, unterscheiden sich auch sonst.
Blue Zones
Als Blue Zones gelten Regionen mit auffallend vielen sehr alten Menschen. Als Erklärung werden pflanzenbetonte Kost, enge soziale Bindungen und Gene genannt. Newman hat Altersregister ausgewertet und kommt zu einem anderen Bild. Seine Arbeit ist ein Preprint und unter Fachleuten umstritten; sie ist eine Hypothese, kein gesichertes Ergebnis.
- In den USA sank die Zahl der gemeldeten über 110-Jährigen um 69 bis 82 Prozent, sobald ein Bundesstaat Geburtsurkunden einführte.
- In Italien, England und Frankreich finden sich besonders viele sehr Alte dort, wo Armut, Kriminalität und schlechte Gesundheit hoch sind und die durchschnittliche Lebenserwartung niedrig ist.
- Sardinien, Okinawa und Ikaria haben im Vergleich zu ihrem Landesschnitt niedrige Einkommen, geringe Alphabetisierung und eine kurze Lebenserwartung.
- Die Geburtstage der über 110-Jährigen häufen sich an Tagen, die durch fünf teilbar sind.
Der Autor folgert, dass Irrtümer und Rentenbetrug die Rekordalter besser erklären als der Lebensstil. Die Arbeit ist ein Preprint, also nicht von Fachkollegen begutachtet. Sie betrifft die Altersangaben und nicht die Ernährung: Dass mediterrane Kost Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugt, zeigen die kontrollierten Studien unabhängig davon.
Ein Wochenplan mit heimischen Lebensmitteln
Der Plan zeigt eine Auswahl von Hauptmahlzeiten als Beispiel. Er garantiert nicht, dass jeder Punkt des Fragebogens an jedem Tag erfüllt ist.
Der Plan erfüllt die Punkte 3 bis 7 und 9 bis 13 des Fragebogens. Er ist ein Beispiel, kein geprüftes Programm.
| Tag | Mittag oder Abend | Fragebogen-Punkt |
|---|---|---|
| Montag | Linseneintopf mit Wurzelgemüse, dazu Blattsalat | Hülsenfrüchte, Gemüse |
| Dienstag | Gebratene Forelle mit Erdäpfeln und Fisolen | Fisch |
| Mittwoch | Käferbohnensalat mit Zwiebel, dazu Vollkornbrot | Hülsenfrüchte |
| Donnerstag | Hendl mit Ofengemüse | Geflügel statt rotem Fleisch |
| Freitag | Saibling oder Karpfen mit Paradeisersalat | Fisch |
| Samstag | Nudeln mit Paradeisersoße aus Zwiebel und Knoblauch | Sofrito |
| Sonntag | Kichererbsen-Gemüse-Pfanne | Hülsenfrüchte |
Dazu täglich drei Stück Obst, eine Portion rohes Gemüse, an mindestens drei Tagen eine Handvoll Walnüsse oder Haselnüsse und einmal Fisch zur Jause, etwa Hering oder Räucherforelle, als dritte Fischportion. Wasser statt Limonade, Pflanzenöl statt Butter zum Kochen.
Studienlage
| Ergebnis | Wer und wie viele | Vergleich | Dauer | Gemessen | Studientyp | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Ereignisse bei 3,8 % mit Olivenöl und 3,4 % mit Nüssen gegen 4,4 % in der Kontrollgruppe: 31 und 28 % weniger | 7.447 Erwachsene von 55 bis 80 mit hohem Risiko, aber ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung, Spanien | mediterrane Kost mit Olivenöl oder mit Nüssen gegen Rat zu fettarmer Kost | 4,8 Jahre (Median), vorzeitig beendet | Hauptendpunkt: Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herz-Kreislauf-Tod zusammen | Randomisiert; nach Abweichungen bei der Zuteilung an einzelnen Zentren zurückgezogen und neu ausgewertet | Estruch et al. (PREDIMED) 2018 |
| Ereignisse bei 87 von 502 gegen 111 von 500 Patienten: 25 bis 28 % weniger je nach Rechenmodell | 1.002 Patienten mit koronarer Herzkrankheit, im Mittel 59,5 Jahre, 82,5 % Männer, ein Zentrum in Spanien | mediterrane gegen fettarme Kost, beide mit Ernährungsberatung | 7 Jahre | Hauptendpunkt: Herzinfarkt, Gefäßeingriff, Schlaganfall, Durchblutungsstörung der Beine oder Herz-Kreislauf-Tod zusammen | Randomisiert; Teilnehmer nicht verblindet, Auswerter verblindet | Delgado-Lista et al. (CORDIOPREV) 2022 |
| Weniger Schlaganfälle in der Vorbeugung (Belege mäßiger Qualität), weniger Todesfälle bei bestehender Erkrankung (Belege niedriger Qualität); Ereignisse nur in zwei Studien berichtet | 30 Studien: 22 an Gesunden oder Menschen mit Risiko, 8 an Erkrankten | mediterrane Kost gegen Kontrolle | je nach Studie | Ereignisse und Risikofaktoren | Cochrane-Review randomisierter Studien | Rees et al. 2020 |
| Mehr als 7 g Olivenöl am Tag gegen nie oder selten: Sterblichkeit 0,81 (0,78 bis 0,84); gegenüber anderen Pflanzenölen zusammen kein gesicherter Unterschied | 92.383 Erwachsene aus zwei US-Kohorten ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Krebs; 36.856 Todesfälle | Stufen des Olivenölkonsums laut Fragebogen, keine Zuteilung | 28 Jahre | Tod aus jeder Ursache und nach Ursache | Beobachtung, zwei Kohorten | Guasch-Ferré et al. 2022 |
| Höhere Punktzahl im 14-Punkte-Fragebogen ging mit geringerem Bauchumfang einher | 7.447 Teilnehmer derselben spanischen Studie | Punktzahl gegen Körpermaße zu einem Zeitpunkt | einmalige Erhebung | Bauchumfang und BMI; zeigt einen Zusammenhang | Querschnitt | Martínez-González et al. 2012 |
| Häufung sehr alter Menschen hängt mit fehlenden Geburtsregistern, Armut und kurzer Lebenserwartung zusammen; Autor schließt auf Irrtümer und Rentenbetrug | Altersregister aus den USA, Italien, England und Frankreich | Regionen mit vielen gegen Regionen mit wenigen sehr Alten | Registerdaten | Zahl gemeldeter sehr alter Menschen, nicht die Ernährung | Preprint, nicht begutachtet, umstritten | Newman 2019 |
In Klammern steht, wo angegeben, das 95-%-Konfidenzintervall.
Österreich
Heimische Entsprechungen: Für Hülsenfrüchte, Nüsse, Gemüse, Obst und Fisch braucht es keine Importware. Forelle und Saibling aus heimischer Zucht liefern auch Omega-3-Fettsäuren.
Öl: Die US-Kohortenstudie fand zwischen Olivenöl und anderen Pflanzenölen zusammen keinen gesicherten Unterschied in der Sterblichkeit. Rapsöl aus österreichischem Anbau liefert zudem die Omega-3-Fettsäure ALA und ist eine naheliegende Wahl zum Kochen; einzeln verglichen wurde es in der Studie nicht.
Häufige Fragen
Was ist mediterrane Ernährung?
Ein Ernährungsmuster mit Olivenöl als Hauptfett, viel Gemüse und Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen und Fisch, wenig rotem Fleisch, Wurst, Butter, Süßgetränken und Fertiggebäck. In der PREDIMED-Studie wurde es mit einem Fragebogen aus 14 Punkten erfasst.
Ist mediterrane Ernährung gesund?
In zwei großen kontrollierten Studien traten unter mediterraner Kost weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse auf als unter fettarmer Kost: 31 Prozent weniger bei Menschen mit hohem Risiko, rund 25 bis 28 Prozent weniger bei Menschen mit bestehender Herzkrankheit. Die Cochrane-Übersicht bewertet die Belege für harte Endpunkte insgesamt als mäßig bis niedrig, weil sie auf wenigen Studien beruhen.
Ist Olivenöl gesund?
In zwei US-Kohorten mit 92.383 Menschen hatten jene mit mehr als 7 Gramm Olivenöl am Tag über 28 Jahre eine um 19 Prozent niedrigere Sterblichkeit als jene, die es nie oder selten verwendeten. Gegenüber anderen Pflanzenölen zusammen zeigte sich kein gesicherter Unterschied. Der Vorteil bestand gegenüber Butter, Margarine, Mayonnaise und Milchfett.
Wie viel Olivenöl am Tag?
Der PREDIMED-Fragebogen vergibt einen Punkt ab vier Esslöffeln täglich, einschließlich des Öls zum Braten und im Salat. In der US-Kohortenstudie begann die höchste Verzehrgruppe bei einem halben Esslöffel, also 7 Gramm.
Was sind Blue Zones?
Regionen wie Sardinien, Okinawa und Ikaria, in denen besonders viele Hundertjährige leben sollen. Eine Auswertung der Altersregister kommt zum Schluss, dass diese Regionen im Vergleich zum jeweiligen Landesschnitt arm sind, wenig Bildung und eine kürzere Lebenserwartung haben und dass Fehler und Betrug bei Altersangaben die Häufung besser erklären als die Ernährung. Die Arbeit ist ein Preprint ohne Fachbegutachtung.
Kann man sich in Österreich mediterran ernähren?
Ja. Das Muster hängt nicht an Lebensmitteln vom Mittelmeer. Hülsenfrüchte, Nüsse, Gemüse, Obst und Fisch gibt es aus heimischer Erzeugung. Zum Kochen kommt neben Olivenöl auch Rapsöl in Frage; in einer großen Beobachtungsstudie unterschied sich Olivenöl bei der Sterblichkeit nicht gesichert von anderen Pflanzenölen zusammen, Rapsöl allein wurde dort nicht ausgewertet.
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